Der Praena-Bluttest - Die Illusion vom perfekten Kind

Quelle: stern TV

RTL stern TV zeigte im letzten Sommer einen Bericht über den Praena-Bluttest, der seit 2012 in Deutschland auf dem Markt und mittlerweile fester Bestandteil in der

Praenataldiagnostik ist.

In dem Beitrag habe ich zuammen mit Mia mitgewirkt. Wer sich die Sendung nachträglich ansehen möchte, geht bitte auf: www.stern.de

 

Das Format stern TV bewegt sich leider in einem sehr straffen Zeitfenster, so dass wichtige Themen lediglich angeschnitten werden können.

Es ist schwierig, in einem Bericht von wenigen Minuten mit 3 verschiedenen Geschichten von

3 Familien umfangreich aufzuklären. Selbiges gilt für eine Diskussion gleicher Konstellation.

 

Und diese umfangreiche Aufklärung ist aber doch so wichtig!!

Warum?

 

90-95% aller Schwangerschaften mit der Diagnose Trisomie 21/Down-Syndrom

werden abgebrochen.

Folge des Bluttests? 

Nein! Das sind Zahlen VOR Einführung des Bluttests.

 

Und was hat der Bluttest damit zu tun?

 

Nun, fangen wir doch mal von vorne an. 

Was ist das denn eigentlich für ein Test?

Der PraenaTest kann ab 9. Schwangerschaftswoche durch eine einmalige

Blutabnahme bei der werdenden Mutter angewandt werden.

Nebst den Geschlechtschromosomen können folgende genetische Anomalien festgestellt werden:

Kinefelter-Syndrom, Turner-Syndrom, Trisomie 13, Trisomie 18, Trisomie 21 (Down-Syndrom).

 

Mehr nicht!

 

Down-Syndrom ist mit Abstand die häufigste Trisomie und überlebensfähig. Und genau deshalb konzentriert sich der Bluttest auf diese genetische Besonderheit.

 

Ich möchte jetzt nicht auf die einzelnen Gendefekte eingehen, über Down-Syndrom sind auf der Homepage umfangreiche Infos zu finden. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass lange NICHT ALLE Behinderungen vorgeburtlich ausgeschlossen werden können! 

Und genau an dem Punkt ist nämlich der eigentliche Hund begraben. Den werdenden Eltern

wird suggeriert, dass der Bluttest Sicherheit und eine Garantie auf ein gesundes Kind gibt - und so ist es nicht!

Abgesehen davon, dass es ohnehin keine Garantie auf ein gesundes Kind gibt, wer diese Garantie haben möchte, sollte generell seine Kinderplanung noch einmal überdenken, zeigt dieser Bluttest nur einen Bruchteil aller möglichen Behinderungen auf. Dies bedeutet, dass auch bei einem unauffälligen Ergebnis das Kind behindert zur Welt kommen kann - sei es durch einen anderen Gendefekt, den der Bluttest nicht abdeckt (und davon gibt es reichlich), oder durch Sauerstoffmangel während der Geburt oder oder ....

Und nicht ganz unwichtig ist es zu wissen, dass nur ein klitzekleiner Bruchteil aller Behinderungen vorgeburtlich entsteht. Die meisten Behinderungen entstehen im Laufe des Lebens. So ist nun mal das Leben an sich und dagegen hilft auch kein Test - es wird immer eine Gesellschaft mit Behinderung geben.

 

Warum halte ich den Bluttest für gesellschaftlich so gefährlich?

Erst mal grundsätzlich, und das habe ich auch im stern TV Interview gesagt, nur wird leider vieles nicht oder nur unvollständig gesendet: 

Es obliegt werdenden Eltern selbst, ob sie sich für einen Test entscheiden oder nicht - alleine schon von gesetzes wegen her -  Sie müssen wissen, was dieser Test genau kann, und vor allem, was er nicht kann, und dass sie in jedem Fall bei einem auffälligen Befund vor einer schweren Entscheidung stehen.

 

Einfach formuliert, nur leider ist das so längst nicht immer klar. 

 

Ich spreche jetzt nicht von Müttern, die sich während der Schwangerschaft evtl. auf ein Kind mit Beeinträchtigung einstellen möchten, jene Mütter gibt es auch, aber die breite Masse tickt anders:

Wenn ein Test wie dieser einer leistungsorientierten Gesellschaft wie unserer in die Hände gelegt wird, die ohnehin Berührungsängste mit dem Anderssein hat, die alle Behinderungen in einen Topf wirft und meint, man müsse sämtliche Behinderungen ausschließen und eliminieren, (und nein, Down-Syndrom ist keine Behinderung, die Bettlägrigkeit zur Folge hat, unsere Kinder kauern nicht mit heraushängender Zunge gaafernd in der Ecke, und nein, Down-Syndrom ist auch keine Beeinträchtigung, mit der man nicht gut leben könnte!), wenn also eine Gesellschaft meint, man könne sich seine Kinder basteln, wie man sie braucht, und was nicht passt, wird aussortiert, sowie Ärzte, die statt umfangreicher Aufklärung lieber den Terminkalender für einen Abbruchtermin zücken, so schießen wir in eine ganz klare Richtung, in die der vorgeburtlichen Selektion!

 

Und genau das ist es, weshalb ich diesen Test mehr als kritisch betrachte.

 

Mia ist für MICH nicht behindert, sie ist in erster Linie ein ganz normales Kind ♥

 

Der Praena-Bluttest wird wohl in den nächsten Jahren in Deutschland Kassenleistung werden.

Blicken wir mal in unser Nachbarland Dänemark, dort hat sich nach der Einführung flächendeckender praenataler Diagnostik die Zahl der Geburten mit Trisomie 21/Down-Syndrom innerhalb eines Jahres halbiert!

 

Ich fände es wahnsinnig schade, wenn Mia mal erwachsen ist und uns kaum mehr Familien mit einem Kind mit Down-Syndrom über den Weg laufen. Und ich fände es  auch für jene Kinder sehr schade, hätten sie keine Gleichgesinnten mehr.

 

Mia's beste Freundin Lana (mit DS) ist ebenfalls 7 Jahre alt, die beiden wurden mit noch einem weiteren Mädl mit Down-Syndrom im September gemeinsam eingeschult. Die Kinder gehen gerne zusammen in die Schule - und wir Eltern begleiten ebenso gerne den Weg unserer Kinder

 

- Text: Kerstin Ellner für 'Down-Syndrom - Mia und ihr kleines Extra' -

Website: miaskleinesextra.de

 

 

Nachtrag:

Ich habe gerade nach unserem Beitrag bei stern TV sehr viele Zuschriften erhalten, darunter einige Anfragen von Schülern und Studenten, die sich dem Thema Praena-Test widmen möchten. Ich gebe meinen Artikel für eure Arbeiten frei, ihr dürft diesen nutzen sowie die Fotos hier auf der Seite, mit Quellen-Angabe. 

Aus dem Jahr 2012

 

 

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(c) Kerstin Ellner

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